Montag, 18. November 2013
Über Gutmenschen
maryd, 13:55h
Bis zu meinem Studium war mir der Begriff des Gutmenschen nur flüchtig bekannt und ich habe nie über des Bedeutung nachgedacht. Ein Mensch der viel Gutes tut für andere Menschen. Das war mein Verständnis was die Bedeutung angeht. Das heißt das war es bis mein Bruder mein Welt und insbesondere mein Menschenbild wieder einmal auf den Kopf gestellt hat.
Mein Bruder, das heißt mein 12 Jahre älterer Bruder , der einen IQ hat der jeden Menschen den er trifft in Staunen versetzt und über alles (und ich meine alles) nachdenkt und analysiert. Mein Bruder, der Germanistik und Geschichte über den zweiten Bildungsweg und nach vielen Umwegen studiert und der Meinung ist, Pädagogik und Psychologie fällt in eine Kategorie mit Handlesen und Hütchenspielern.
Er hat mir zu Beginn des Studiums ein Semester lang erklärt warum mein Studienfach Blödsinn ist und die Wahl meiner Uni sowieso, dass ich mit meinem Intellekt lieber an seine Uni kommen soll um mit ihm das einzig wahre wissenschaftliche Fach zu studieren: Geschichte. Ich habe ihm das nie übel genommen, denn ich wusste hinter all dem stand einfach nur der Wunsch mich mehr um sich zu haben. Nicht da er den Rest nicht gemeint hätte. Ich habe gelernt es mit Humor zu nehmen und nachdem er nach den ersten drei Semestern (davon zwei als Assistent vom Prof) festgestellt hatte, das bei seinem Lerntempo die Wunder des Faches Geschichte sich rapide in Langeweile verwandelte, hatte sich das Thema dann erledigt.
Unser Gespräch zum Thema Gutmenschen ist mir trotzdem gut im Gedächtnis geblieben.
In der Theorie meines Bruders ist das Wort Gutmensch keineswegs positiv besetzt. Es sind Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, professionell oder freiwillig und sich selber toll finden weil sie Gutes tun, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie benutzen die Menschen denen sei helfen im Grunde dafür, sich selbst besser zu fühlen und eine positive Resonanz in ihrer Umwelt zu erfahren.
Ich fand das damals ein harsches Urteil und mochte mich nicht so recht mit dieser Theorie anfreunden. Aber wie die meisten Theorien meines Bruders wirken diese nur oberflächlich populistisch und monochrom. Meine Interpretation seiner Theorie ist folgende:
Im Grunde sind wir, die wir im sozialen Bereich arbeiten, alle Gutmenschen. Ich bin stolz auf meine Arbeit, ich fühle mich gut anderen zu Helfen und natürlich freue ich mich über Anerkennung. Was den guten Gutmenschen vom schlechten Gutmenschen unterscheidet ist das Ego. Wenn man sich seiner eigenen Motivationen nicht bewusst ist, läuft man Gefahr seine Arbeit ins Ungleichgewicht zu bringen. Man tut mehr Dinge die die Aufmerksamkeit anderer erregt, die großen Gesten, Vorträge, Berichte, Öffentlichkeitsarbeit, das Vorführen von Klienten und weniger Dinge die im Stillen geschehen müssen, Gespräche mit Klienten und Eltern, lehren und das immer und immer wieder, oftmals das gleiche, begleiten, loben. Man möchte sich gut fühlen, gemocht werden.
Manchmal erwische ich mich dabei Dinge zu tun und zu sagen, die dem Jugendlichen nichts bringen, meine eigene Autorität sogar untergraben, einfach um von ihnen gemocht zu werden. Denn wer möchte keine Sympathie, wer möchte nicht beliebt sein? Besonders in einem Arbeitsfeld wo es mehr als die Norm ist, von seinen Klienten, besonders wenn es Jugendliche sind, als Feind wahrgenommen zu werden? Man füttert das eigene Ego und meint immer noch wunderbare Arbeit zu tun. Manche tun das auch, denn das eine schließt das andere nicht aus. Mit diesen Menschen zu arbeiten jedoch ist eine ganz andere Geschichte.
Ich denke da an einen Sozialarbeiter, mit dem ich als Jugendliche auf Freizeit gefahren bin. Zuerst als Teilnehmerin und später als Betreuerin. Er war der einzige Sozialarbeiter in unserer Kleinstadt und seine Arbeit wurde sehr erschwert durch einen außergewöhnlich hohen Immigrantenanteil in der Stadt. Er hat tolle Dinge auf die Beine gestellt, wie eine Nachmittagsbetreuung für Immigrantenkinder mit Hausaufgabenbetreuung, einen Verein für Kinder um ihnen Kunst und Kultur näher zu bringen. Er hat Theateraufführungen organisiert und Interkulturelle Feste und da alles neben der Alltäglichen Arbeit des Sozialarbeiters. Als er jedoch dieses Jahr in Rente ging, waren alle froh ihn gehen zu sehen.
Als einziger Sozialarbeiter musste er alles erkämpfen, jede Veränderung gegen große Wiederstände im Stadtrat erkämpfen. Viele wussten das und er hat großes Lob und viel Anerkennung dafür bekommen. Aber nach einer Weile begann er nur noch Projekte zu machen, die ihm möglichst viel Aufmerksamkeit brachten. Er hörte auf mit den Kindern und Jugendlichen zu reden, überlies die „Feldarbeit“ den jüngeren Betreuern und lies es dann so aussehen, als ob es seine Arbeit war.
Das was er tat war immer noch bewundernswert, aber er begann Fehler zu machen, wie die Verletzung der Aufsichtspflicht und das beschimpfen von Klienten. Erst ließ er sich von Helfern nichts mehr sagen, dann von niemanden mehr. Er wurde unnachgiebig und uneinsichtig, ja sogar rücksichtslos am Ende wogen seine Fehler in den Augen der Leute gleichviel wie seine unglaublichen Leistungen.
Ich denke vor diesem Fehler sind wir alle nicht gefeit. Im Gegenteil, wir sind höchst gefährdet und es ist menschlich das zu sein. Was einen davor bewahrt in diese Falle zu tappen ist die eigene Selbstreflektion und eine gehörige Portion Demut. Beides leichter gesagt als getan. Letztendlich sind wir alle Gutmenschen und manchmal sind wir mehr gute Gutmenschen und manchmal weniger.
Man darf nur nie aufhören es zu versuchen.
Mein Bruder, das heißt mein 12 Jahre älterer Bruder , der einen IQ hat der jeden Menschen den er trifft in Staunen versetzt und über alles (und ich meine alles) nachdenkt und analysiert. Mein Bruder, der Germanistik und Geschichte über den zweiten Bildungsweg und nach vielen Umwegen studiert und der Meinung ist, Pädagogik und Psychologie fällt in eine Kategorie mit Handlesen und Hütchenspielern.
Er hat mir zu Beginn des Studiums ein Semester lang erklärt warum mein Studienfach Blödsinn ist und die Wahl meiner Uni sowieso, dass ich mit meinem Intellekt lieber an seine Uni kommen soll um mit ihm das einzig wahre wissenschaftliche Fach zu studieren: Geschichte. Ich habe ihm das nie übel genommen, denn ich wusste hinter all dem stand einfach nur der Wunsch mich mehr um sich zu haben. Nicht da er den Rest nicht gemeint hätte. Ich habe gelernt es mit Humor zu nehmen und nachdem er nach den ersten drei Semestern (davon zwei als Assistent vom Prof) festgestellt hatte, das bei seinem Lerntempo die Wunder des Faches Geschichte sich rapide in Langeweile verwandelte, hatte sich das Thema dann erledigt.
Unser Gespräch zum Thema Gutmenschen ist mir trotzdem gut im Gedächtnis geblieben.
In der Theorie meines Bruders ist das Wort Gutmensch keineswegs positiv besetzt. Es sind Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, professionell oder freiwillig und sich selber toll finden weil sie Gutes tun, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie benutzen die Menschen denen sei helfen im Grunde dafür, sich selbst besser zu fühlen und eine positive Resonanz in ihrer Umwelt zu erfahren.
Ich fand das damals ein harsches Urteil und mochte mich nicht so recht mit dieser Theorie anfreunden. Aber wie die meisten Theorien meines Bruders wirken diese nur oberflächlich populistisch und monochrom. Meine Interpretation seiner Theorie ist folgende:
Im Grunde sind wir, die wir im sozialen Bereich arbeiten, alle Gutmenschen. Ich bin stolz auf meine Arbeit, ich fühle mich gut anderen zu Helfen und natürlich freue ich mich über Anerkennung. Was den guten Gutmenschen vom schlechten Gutmenschen unterscheidet ist das Ego. Wenn man sich seiner eigenen Motivationen nicht bewusst ist, läuft man Gefahr seine Arbeit ins Ungleichgewicht zu bringen. Man tut mehr Dinge die die Aufmerksamkeit anderer erregt, die großen Gesten, Vorträge, Berichte, Öffentlichkeitsarbeit, das Vorführen von Klienten und weniger Dinge die im Stillen geschehen müssen, Gespräche mit Klienten und Eltern, lehren und das immer und immer wieder, oftmals das gleiche, begleiten, loben. Man möchte sich gut fühlen, gemocht werden.
Manchmal erwische ich mich dabei Dinge zu tun und zu sagen, die dem Jugendlichen nichts bringen, meine eigene Autorität sogar untergraben, einfach um von ihnen gemocht zu werden. Denn wer möchte keine Sympathie, wer möchte nicht beliebt sein? Besonders in einem Arbeitsfeld wo es mehr als die Norm ist, von seinen Klienten, besonders wenn es Jugendliche sind, als Feind wahrgenommen zu werden? Man füttert das eigene Ego und meint immer noch wunderbare Arbeit zu tun. Manche tun das auch, denn das eine schließt das andere nicht aus. Mit diesen Menschen zu arbeiten jedoch ist eine ganz andere Geschichte.
Ich denke da an einen Sozialarbeiter, mit dem ich als Jugendliche auf Freizeit gefahren bin. Zuerst als Teilnehmerin und später als Betreuerin. Er war der einzige Sozialarbeiter in unserer Kleinstadt und seine Arbeit wurde sehr erschwert durch einen außergewöhnlich hohen Immigrantenanteil in der Stadt. Er hat tolle Dinge auf die Beine gestellt, wie eine Nachmittagsbetreuung für Immigrantenkinder mit Hausaufgabenbetreuung, einen Verein für Kinder um ihnen Kunst und Kultur näher zu bringen. Er hat Theateraufführungen organisiert und Interkulturelle Feste und da alles neben der Alltäglichen Arbeit des Sozialarbeiters. Als er jedoch dieses Jahr in Rente ging, waren alle froh ihn gehen zu sehen.
Als einziger Sozialarbeiter musste er alles erkämpfen, jede Veränderung gegen große Wiederstände im Stadtrat erkämpfen. Viele wussten das und er hat großes Lob und viel Anerkennung dafür bekommen. Aber nach einer Weile begann er nur noch Projekte zu machen, die ihm möglichst viel Aufmerksamkeit brachten. Er hörte auf mit den Kindern und Jugendlichen zu reden, überlies die „Feldarbeit“ den jüngeren Betreuern und lies es dann so aussehen, als ob es seine Arbeit war.
Das was er tat war immer noch bewundernswert, aber er begann Fehler zu machen, wie die Verletzung der Aufsichtspflicht und das beschimpfen von Klienten. Erst ließ er sich von Helfern nichts mehr sagen, dann von niemanden mehr. Er wurde unnachgiebig und uneinsichtig, ja sogar rücksichtslos am Ende wogen seine Fehler in den Augen der Leute gleichviel wie seine unglaublichen Leistungen.
Ich denke vor diesem Fehler sind wir alle nicht gefeit. Im Gegenteil, wir sind höchst gefährdet und es ist menschlich das zu sein. Was einen davor bewahrt in diese Falle zu tappen ist die eigene Selbstreflektion und eine gehörige Portion Demut. Beides leichter gesagt als getan. Letztendlich sind wir alle Gutmenschen und manchmal sind wir mehr gute Gutmenschen und manchmal weniger.
Man darf nur nie aufhören es zu versuchen.
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Samstag, 16. November 2013
Warum?
maryd, 20:30h
In diesem Blog möchte ich von einem Beruf berichten, der weder klare Definitionen hat noch über ein klares Berufsbild verfügt.
Den des Pädagogen.
Natürlich kann man im Internet jede Menge Definitionen finden, aber in Wirklichkeit gibt es keinen schwammigeren Beruf. Weder Lehrer noch Sozialarbeiter deckt er das Feld "Sonstiges was mit Lernen zu tun hat" ab. Kein Beruf ist so abhängig von persönlichen Fähigkeiten, Einstellungen und Vorlieben. Das soziale Feld ist groß und wenn man die richtigen Zusatzausbildungen oder den richtigen Schwerpunkt im Studium hat, oder wenn man sich richtig verkaufen kann, kann man in fast allen Bereichen mit fast allen Schwerpunkten arbeiten. Ganz nach dem Motto: Was man kann, kann man.
Ich habe einen Bachelor in Pädagogik mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Inklusion. Ein so gut wie unbekannter Studiengang, der die Schnittstelle zwischen Pädagogik und Sozialarbeit abdecken soll. Erziehungswissenschaftlich durchaus sinnvoll, lässt sich das ganze kaum in die Arbeitswelt übertragen. Zumindest habe ich bis jetzt noch keine Stellenanzeige gefunden die einen Schnittstellenpädagogen sucht. Dennoch war meine Ausbildung wesentlich realitätsnäher als die meisten. In den ersten drei Semestern waren wir zwei Tage die Woche parallel zum Studium in einer sozialen Einrichtung tätig. Ich hatte das große Glück an einer Förderschule für Schüler mit Lernbehinderung und emotional sozialen Schwierigkeiten zu arbeiten.
Und Himmel war das ein Augenöffner!
Ich, die aus einer preusischen gutbürgerlichen Familie stamme und direkt von einem Landgymnasium auf eine Landuni gewechselt bin, mit der einzigen Erfahrug in der Arbeit mit Jugendlichen von Freizeitbegleitung und der Leitung einer Kindertheater- Gruppe, war auf einmal mit der Realität des Unterrichtens von Immigrationskindern, Kriegsflüchtlingen, HartzIV Familien, Scheidungskindern und Jugendlichen mit Drogenproblematiken konfrontiert. Kurzum: Mit allem was unsere angeblich nichtexistente deutsche Unterschicht zu bieten hatte. Und diese geballte Ladung von Realität wurde noch interresanter gemacht von der Tatsache, dass die meisten meiner Schüler einen IQ von unter 75 hatten.
Ich gebe offen zu, als ich das erste mal Fuß in die Schule setzte war ich mehr als nervös, ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde.
Das Jahr an dieser Schule hat mich vieles gelehrt: Das selbst der verhaltensauffälligste Schüler am Ende nur ein Kind ist, mit dem sich irgentwie reden lässt.
Das man manchmal aktzeptieren muss, dass reden nicht hilft.
Das es die wundervollsten Menschen gibt, die alles dafür geben um ihren Schülern eine bessere Chance zu geben.
Das auf jeden dieser wundervollen Menschen mindestens fünf kommen die in dem Beruf nichts verloren haben.
Und das man sich selbst kennen muss, um in diesem Feld arbeiten zu können.
Nachdem ich mein Studium angeschlossen hatte, beschloss ich eine Auszeit zu nehmen, aber da ich ohne Arbeit wahnsinnig werde, wurde ich Teil des europäischen Freiwilligen Dienstes. Ein Projekt, das Frewillige in ganz Europa aussendet um an meist sozialen Projekten teilzunehmen. Und ich landete im exotischsten aller Länder: Österreich.
Dafür gab es drei Gründe:
1. Ich fand das Projekt interresant
2. Meine Oma kam aus Österreich und war sehr stolz auf ihr Land. Ich war neugierig.
3. Ich wollte einfach nur weg aus meinem Elternhaus, egal wohin.
Also verschlug es mich in die Steiermark für neun Monate, um bei einem Projekt mitzuwirken bei dem Jugendliche zwischen 15 und 18 in einer Betreuten WG wohnen und an einem Arbeitstraining teilnehmen, welches sie idealerweise in eine Lehrstelle vermitteln sollte. Natürlich waren die Jugendlichen auch hier das was man heute aufgrund politischer Korrektheit nicht mehr schwer Erziehbar nennt.
Wie nicht unschwer zu erkennen ist, bin ich kein Mensch der sich politisch korrekt ausdrückt. Eine Angewohnheit die fast alle Menschen haben die im sozialen Bereich arbeiten. Das bedeutet nicht, dass ich dazu nicht in der Lage wäre, oder das ich mir dessen nicht bewusst bin. Es ist jedoch leichter die Dinge beim Namen zu nennen und da die politisch unkorrekte Version meistens kürzer ist, bleibe ich dabei und hoffe das es so verstanden wird wie es gemeint ist.
Um zum eingentlichen Thema zurück zu kommen:
Der Freiwilligendienst stellte sich als Glücksgriff heraus. Ich habe tolle Kollegen ein tolles Projekt, ich lerne viel und genieße meine Zeit hier sehr. Ihr merkt: Ja, ich bin noch dabei meine Dienst zu absolvieren.
Da ich momentan wesentlich mehr Zeit habe als ich es von Deutschland gewöhnt bin, habe ich mich entschlossen zu schreiben. Ich bin unendlich schlecht darin Tagebuch zu schreiben, also werden es hauptsächlich Texte sein zu Themen die mich grade schäftigen. Ich werde allerdings versuchen sie zu diesem ersten Text rückzukoppeln. Dann werde ich unter anderem auch erklären was es mit den Gutmenschen auf sich hat, wie es ist an einer Förderschule zu arbeiten und ob österreichische Jugendliche anders sind als Deutsche.
Den des Pädagogen.
Natürlich kann man im Internet jede Menge Definitionen finden, aber in Wirklichkeit gibt es keinen schwammigeren Beruf. Weder Lehrer noch Sozialarbeiter deckt er das Feld "Sonstiges was mit Lernen zu tun hat" ab. Kein Beruf ist so abhängig von persönlichen Fähigkeiten, Einstellungen und Vorlieben. Das soziale Feld ist groß und wenn man die richtigen Zusatzausbildungen oder den richtigen Schwerpunkt im Studium hat, oder wenn man sich richtig verkaufen kann, kann man in fast allen Bereichen mit fast allen Schwerpunkten arbeiten. Ganz nach dem Motto: Was man kann, kann man.
Ich habe einen Bachelor in Pädagogik mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Inklusion. Ein so gut wie unbekannter Studiengang, der die Schnittstelle zwischen Pädagogik und Sozialarbeit abdecken soll. Erziehungswissenschaftlich durchaus sinnvoll, lässt sich das ganze kaum in die Arbeitswelt übertragen. Zumindest habe ich bis jetzt noch keine Stellenanzeige gefunden die einen Schnittstellenpädagogen sucht. Dennoch war meine Ausbildung wesentlich realitätsnäher als die meisten. In den ersten drei Semestern waren wir zwei Tage die Woche parallel zum Studium in einer sozialen Einrichtung tätig. Ich hatte das große Glück an einer Förderschule für Schüler mit Lernbehinderung und emotional sozialen Schwierigkeiten zu arbeiten.
Und Himmel war das ein Augenöffner!
Ich, die aus einer preusischen gutbürgerlichen Familie stamme und direkt von einem Landgymnasium auf eine Landuni gewechselt bin, mit der einzigen Erfahrug in der Arbeit mit Jugendlichen von Freizeitbegleitung und der Leitung einer Kindertheater- Gruppe, war auf einmal mit der Realität des Unterrichtens von Immigrationskindern, Kriegsflüchtlingen, HartzIV Familien, Scheidungskindern und Jugendlichen mit Drogenproblematiken konfrontiert. Kurzum: Mit allem was unsere angeblich nichtexistente deutsche Unterschicht zu bieten hatte. Und diese geballte Ladung von Realität wurde noch interresanter gemacht von der Tatsache, dass die meisten meiner Schüler einen IQ von unter 75 hatten.
Ich gebe offen zu, als ich das erste mal Fuß in die Schule setzte war ich mehr als nervös, ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde.
Das Jahr an dieser Schule hat mich vieles gelehrt: Das selbst der verhaltensauffälligste Schüler am Ende nur ein Kind ist, mit dem sich irgentwie reden lässt.
Das man manchmal aktzeptieren muss, dass reden nicht hilft.
Das es die wundervollsten Menschen gibt, die alles dafür geben um ihren Schülern eine bessere Chance zu geben.
Das auf jeden dieser wundervollen Menschen mindestens fünf kommen die in dem Beruf nichts verloren haben.
Und das man sich selbst kennen muss, um in diesem Feld arbeiten zu können.
Nachdem ich mein Studium angeschlossen hatte, beschloss ich eine Auszeit zu nehmen, aber da ich ohne Arbeit wahnsinnig werde, wurde ich Teil des europäischen Freiwilligen Dienstes. Ein Projekt, das Frewillige in ganz Europa aussendet um an meist sozialen Projekten teilzunehmen. Und ich landete im exotischsten aller Länder: Österreich.
Dafür gab es drei Gründe:
1. Ich fand das Projekt interresant
2. Meine Oma kam aus Österreich und war sehr stolz auf ihr Land. Ich war neugierig.
3. Ich wollte einfach nur weg aus meinem Elternhaus, egal wohin.
Also verschlug es mich in die Steiermark für neun Monate, um bei einem Projekt mitzuwirken bei dem Jugendliche zwischen 15 und 18 in einer Betreuten WG wohnen und an einem Arbeitstraining teilnehmen, welches sie idealerweise in eine Lehrstelle vermitteln sollte. Natürlich waren die Jugendlichen auch hier das was man heute aufgrund politischer Korrektheit nicht mehr schwer Erziehbar nennt.
Wie nicht unschwer zu erkennen ist, bin ich kein Mensch der sich politisch korrekt ausdrückt. Eine Angewohnheit die fast alle Menschen haben die im sozialen Bereich arbeiten. Das bedeutet nicht, dass ich dazu nicht in der Lage wäre, oder das ich mir dessen nicht bewusst bin. Es ist jedoch leichter die Dinge beim Namen zu nennen und da die politisch unkorrekte Version meistens kürzer ist, bleibe ich dabei und hoffe das es so verstanden wird wie es gemeint ist.
Um zum eingentlichen Thema zurück zu kommen:
Der Freiwilligendienst stellte sich als Glücksgriff heraus. Ich habe tolle Kollegen ein tolles Projekt, ich lerne viel und genieße meine Zeit hier sehr. Ihr merkt: Ja, ich bin noch dabei meine Dienst zu absolvieren.
Da ich momentan wesentlich mehr Zeit habe als ich es von Deutschland gewöhnt bin, habe ich mich entschlossen zu schreiben. Ich bin unendlich schlecht darin Tagebuch zu schreiben, also werden es hauptsächlich Texte sein zu Themen die mich grade schäftigen. Ich werde allerdings versuchen sie zu diesem ersten Text rückzukoppeln. Dann werde ich unter anderem auch erklären was es mit den Gutmenschen auf sich hat, wie es ist an einer Förderschule zu arbeiten und ob österreichische Jugendliche anders sind als Deutsche.
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