Samstag, 16. November 2013
Warum?
In diesem Blog möchte ich von einem Beruf berichten, der weder klare Definitionen hat noch über ein klares Berufsbild verfügt.
Den des Pädagogen.
Natürlich kann man im Internet jede Menge Definitionen finden, aber in Wirklichkeit gibt es keinen schwammigeren Beruf. Weder Lehrer noch Sozialarbeiter deckt er das Feld "Sonstiges was mit Lernen zu tun hat" ab. Kein Beruf ist so abhängig von persönlichen Fähigkeiten, Einstellungen und Vorlieben. Das soziale Feld ist groß und wenn man die richtigen Zusatzausbildungen oder den richtigen Schwerpunkt im Studium hat, oder wenn man sich richtig verkaufen kann, kann man in fast allen Bereichen mit fast allen Schwerpunkten arbeiten. Ganz nach dem Motto: Was man kann, kann man.

Ich habe einen Bachelor in Pädagogik mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Inklusion. Ein so gut wie unbekannter Studiengang, der die Schnittstelle zwischen Pädagogik und Sozialarbeit abdecken soll. Erziehungswissenschaftlich durchaus sinnvoll, lässt sich das ganze kaum in die Arbeitswelt übertragen. Zumindest habe ich bis jetzt noch keine Stellenanzeige gefunden die einen Schnittstellenpädagogen sucht. Dennoch war meine Ausbildung wesentlich realitätsnäher als die meisten. In den ersten drei Semestern waren wir zwei Tage die Woche parallel zum Studium in einer sozialen Einrichtung tätig. Ich hatte das große Glück an einer Förderschule für Schüler mit Lernbehinderung und emotional sozialen Schwierigkeiten zu arbeiten.
Und Himmel war das ein Augenöffner!
Ich, die aus einer preusischen gutbürgerlichen Familie stamme und direkt von einem Landgymnasium auf eine Landuni gewechselt bin, mit der einzigen Erfahrug in der Arbeit mit Jugendlichen von Freizeitbegleitung und der Leitung einer Kindertheater- Gruppe, war auf einmal mit der Realität des Unterrichtens von Immigrationskindern, Kriegsflüchtlingen, HartzIV Familien, Scheidungskindern und Jugendlichen mit Drogenproblematiken konfrontiert. Kurzum: Mit allem was unsere angeblich nichtexistente deutsche Unterschicht zu bieten hatte. Und diese geballte Ladung von Realität wurde noch interresanter gemacht von der Tatsache, dass die meisten meiner Schüler einen IQ von unter 75 hatten.
Ich gebe offen zu, als ich das erste mal Fuß in die Schule setzte war ich mehr als nervös, ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde.
Das Jahr an dieser Schule hat mich vieles gelehrt: Das selbst der verhaltensauffälligste Schüler am Ende nur ein Kind ist, mit dem sich irgentwie reden lässt.
Das man manchmal aktzeptieren muss, dass reden nicht hilft.
Das es die wundervollsten Menschen gibt, die alles dafür geben um ihren Schülern eine bessere Chance zu geben.
Das auf jeden dieser wundervollen Menschen mindestens fünf kommen die in dem Beruf nichts verloren haben.
Und das man sich selbst kennen muss, um in diesem Feld arbeiten zu können.
Nachdem ich mein Studium angeschlossen hatte, beschloss ich eine Auszeit zu nehmen, aber da ich ohne Arbeit wahnsinnig werde, wurde ich Teil des europäischen Freiwilligen Dienstes. Ein Projekt, das Frewillige in ganz Europa aussendet um an meist sozialen Projekten teilzunehmen. Und ich landete im exotischsten aller Länder: Österreich.
Dafür gab es drei Gründe:
1. Ich fand das Projekt interresant
2. Meine Oma kam aus Österreich und war sehr stolz auf ihr Land. Ich war neugierig.
3. Ich wollte einfach nur weg aus meinem Elternhaus, egal wohin.
Also verschlug es mich in die Steiermark für neun Monate, um bei einem Projekt mitzuwirken bei dem Jugendliche zwischen 15 und 18 in einer Betreuten WG wohnen und an einem Arbeitstraining teilnehmen, welches sie idealerweise in eine Lehrstelle vermitteln sollte. Natürlich waren die Jugendlichen auch hier das was man heute aufgrund politischer Korrektheit nicht mehr schwer Erziehbar nennt.
Wie nicht unschwer zu erkennen ist, bin ich kein Mensch der sich politisch korrekt ausdrückt. Eine Angewohnheit die fast alle Menschen haben die im sozialen Bereich arbeiten. Das bedeutet nicht, dass ich dazu nicht in der Lage wäre, oder das ich mir dessen nicht bewusst bin. Es ist jedoch leichter die Dinge beim Namen zu nennen und da die politisch unkorrekte Version meistens kürzer ist, bleibe ich dabei und hoffe das es so verstanden wird wie es gemeint ist.
Um zum eingentlichen Thema zurück zu kommen:
Der Freiwilligendienst stellte sich als Glücksgriff heraus. Ich habe tolle Kollegen ein tolles Projekt, ich lerne viel und genieße meine Zeit hier sehr. Ihr merkt: Ja, ich bin noch dabei meine Dienst zu absolvieren.
Da ich momentan wesentlich mehr Zeit habe als ich es von Deutschland gewöhnt bin, habe ich mich entschlossen zu schreiben. Ich bin unendlich schlecht darin Tagebuch zu schreiben, also werden es hauptsächlich Texte sein zu Themen die mich grade schäftigen. Ich werde allerdings versuchen sie zu diesem ersten Text rückzukoppeln. Dann werde ich unter anderem auch erklären was es mit den Gutmenschen auf sich hat, wie es ist an einer Förderschule zu arbeiten und ob österreichische Jugendliche anders sind als Deutsche.

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